Zarathustras Spuren und Nüsse aka Tehran No° 3

Dieses Silvester haben wir persisch gekocht. Etwas zu viel, aber unser Dizi (Ābgusht) ist rückblickend gar nicht so schlecht geworden. Keine Ahnung wo wir dieses Silvester sein werden, aber falls ich mich irgendwo in der Nähe eines Herdes und einer Packung Reis befinden sollte, dann gibt´s Tah Chin. Ich hätte das auf der Reise eigentlich jeden Tag essen können, hätte es nicht so viel anderes Köstliches zu probieren gegeben. Das Nationalmuseum in Teheran fand ich relativ unspektakulär. Zähne von Neandertalern, ich weiß, eigentlich Wahnsinnsfunde, vorallem für Gegner der Evolutionstheorie, aber da ich Evolution ja nicht verneine sah ich in den Vitrinen einfach nur ein paar sehr alte Zähne. Von Neandertalern. Umso spektakulär dann dieser Moment, in dem ich vor einer Art Schrifttafel von Xerxes I. stand (der Typ der einen großen Teil von Perspeolis bauen ließ, Sohn von Dareios, dem keine Ahnung wievielten, der mit dem Bau von Persepolis angefangen hatte), aus dem 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung und da bekam ich dann Gänsehaut bei Sätzen wie:

And among those countries there was (some), where formerly the Daivas have been worshipped. Afterwards by the favour of Auramazda I destroyed that place of the Daivas, and I gave orders, „The Daivas shall not be worshipped any longer!“ (…)

Zarathustra pur. Die damals brandneue Vorstellung, dass es nicht viele Götter gäbe, sondern nur einen einzigen (eben diesen Auramazda, oder Ahura Masda (=weiser Herr)). Wenn Menschen Vorstellungen und Ideen entwickeln, die sich über Kontinente hinweg entfalten, auch über verschiedene Religionsgrenzen hinweg und diese Idee sich hartnäckig über Jahrhunderte, in diesem Falle wohl Jahrtausende hält, dann krieg ich schon mal eine Gänsehaut, wenn ich dann plötzlich vor einer der ersten Verschriftlichungen stehe.

Später ging´s noch hoch auf den Milad Turm, was anscheinend Turm der Geburt bedeutet, in welchem Zusammenhang auch immer. Die Aussicht über Teheran war natürlich phänomenal und im untersten Stockwerk fand eine Art Theater statt. Menschen in Verkleidungen, Musik, lauter Gesang und sogar Feuer. Rund um das Geschehen Schautafeln mit Zitaten von berühmten Menschen, auch westlichen Philosophen, über einen gewissen Hussein und dessen Mut und Ehre. Selbst als ich mich bei unseren Gastgebern nach der Bedeutung dieses Spektakels erkundigte, wußten diese nicht weiter. Die sprechen Arabisch, das versteh ich auch nicht, war die Antwort. Ein anderer wußte immerhin zu deuten, dass es um die Ermordung von 40 Menschen durch ein Heer von Tausenden ging und dass dies eine Art Erinnerungsspiel war.

Im Nachhinein fand ich dann heraus um was es da wirklich ging und warum dieses irre Spektakel auf diese Art und Weise nicht in vielen islamischen Länden außer dem Iran stattfinden konnte (habe ich die 40 Männer mit hohen brennenden Fackeln schon erwähnt, die von einer Seite zur anderen tanzten?). Kurze Vorgeschichte: Nachdem der Prophet Mohammed gestorben war, entbrannte ein Nachfolgestreit. Im Grunde zwischen jenen, die einen Verwandten Mohammeds als ihr religiöses Oberhaupt wollten und jenen, die eine Wahl wollten, in der auch Nicht-Verwandte Mohammeds in guter alter arabischer Beduinenart gewählt werden konnte. Ich lasse Jahrzehnte des Hick-Hacks an dieser Stelle aus und komme gleich zum Wesentlichen. Nach einigen gewählten Vertretern, kam schließlich der Schwiegersohn Mohammeds an die religiöse Macht und starb. Der eine Enkel Mohammeds wollte das Amt nicht annehmen und ließ sich von der Gegenseite auszahlen, der andere Enkel names Hussein wollte hingegen durchaus führen und verließ Mekka mit seinen engsten Leuten Richtung Kufa (die Stadt wo es hinzugelangen galt, wollte man Anspruch auf diese Führung erheben). Hussein ritt also von Mekka aus los, mit ordentlich Gepäck auf den Lastkamelen und war dementsprechend langsam.

Er erreichte Kufa nie, zuvor wurde er von einem Heer des Kalifen Yesid (das war sein Gegenspieler) eingeholt und nach 10 Tagen Umzingelung wollte Hussein immer noch nicht aufgeben und tja, was soll man sagen – viertausend Krieger gegen 70 Männer und Frauen, das fand ein schnelles Ende. Um genau diesen Hussein ging es in dem Spektakel, denn – aus jenen, die sich ursprünglich einen Verwandten Mohammeds in der Führungsposition wünschten, entwickelten sich die Schiiten und aus jenen, die eine Wahl unter allen wünschten, die Sunniten. Später kam dann natürlich noch dazu, dass sich beide Seiten gegenseitig vorwarfen den Koran falsch aufgeschrieben oder falsch interpretiert zu haben, aber der Grundkonflikt war eine Unstimmigkeit bei der Nachfolge Mohammeds.* Aus diesem Grunde kann so ein Erinnerungsschauspiel für diesen Hussein natürlich nur in schiitischen Ländern wie dem Iran stattfinden.

Oh ja, fast vergessen – wir waren noch in einem Spezialgeschäft für Nüsse und getrocknete Früchte und Gaz und Nabot und alles was sonst noch so lecker ist. Iranische Mandeln gab es, es hätte sogar amerikanische Mandeln gegeben, aber nicht nur wegen More than Honey hab ich darauf verzichtet. Nachdem ich meinen Gastgeber wegen des Embargos fragte, ich meine, amerikanische Mandeln in Teheran, meinte der nur, dass so etwas immer nur politisch sei, aber nicht für den Handel. Aha.

Ich muss sagen, ich denke viel darüber nach inwieweit man sich durch eine einzige Reise ein wirkliches Urteil über eine Gegend machen kann, darüber wie die Menschen wirklich leben und was wirklich los ist. Nicht zuletzt seitdem ich Pol Pots Lächeln** gelesen habe. Aber das wäre schon wieder eine ganz andere Geschichte, ich kann nur empfehlen das Buch zu lesen, handelt von einer schwedischen Delegation, die Kambodscha zu einer Zeit besuchte, die für die meisten Menschen Kambodschas keine gute Zeit war, um es mal milde auszudrücken, und die von ihrer Reise zurückkehren ohne auch nur das Geringste davon mitbekommen zu haben.

Doch zurück zu den Nüssen: Das absolute Beste in dem Geschäft war, dass man alles und ich meine damit wirklich alles probieren konnte. Wo ich noch ganz zaghaft nach einer einzigen Pistazie griff, kamen die Verkäufer und luden mir beide Hände mit Pistazien voll. Dementsprechend großzügig habe ich dann auch eingekauft, ich denke aber, dass sich sämtliche Nüsse nicht bis Weihnachten halten werden. Sie sind einfach zu gut.

* Quelle meiner Weisheit: Iran, Drehscheibe zwischen Ost und West, Gerhard Schweizer, Klett-Cotta, Stuttgart, Dritte Auflage 1996.

** Pol Pots Lächeln, Peter Fröberg Idling, Edition Büchergilde, Frankfurt am Main. Deutsche Erstausgabe 2013.

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