Ins Schwärmen geraten

Dieses Wochenende ging so einiges drunter und drüber. Den einen Imker-Fortbildungstermin musste ich absagen, dank der schönen Kombi von Herr O. krank und dem Versprechen Frau S. zum Schirennen zu bringen, was dann selbst mit Terminabsage nur dank des liebevollen Einsatzes von Herrn P. zu schaffen war. Letzteres ermöglichte es dann auch, dass ich am Sonntag dennoch in die Schweiz fahren konnte. Nun, in die Schweiz fahr ich ja immer wieder mal, aber diesen Sonntag konnte man in Buchs im Aargau etwas ganz besonderes hören.

Auf dem 5. Schafisheimer Bienensymposium sprach Thomas D. Seeley, einer der bekanntesten Bienenforscher unserer Zeit. Und weil Bienenforscher ja nun doch etwas schwammig ist – er ist Biologe an der University Cornell (US) und beschäftigt sich mit dem Schwarmverhalten von Bienen. Swarm Intelligence (SI) nennt sich dieses Gebiet, ist jedoch nicht nur auf Bienen bezogen, sondern auf alle Lebewesen, die Schwärme bilden. Nächste große Leitwissenschaft, wäre meine Tipp, kommt dann gleich nach der Hirnforschung, aber da der Online-Duden das Wort Leitwissenschaft nicht mal kennt, gehe ich da lieber keine Wetten drauf ein.

Honeybee Democracy lautet der Titel seines 2010 erschienenes Buch, seit einem Jahr ist es auch auf Deutsch unter dem Titel Bienendemokratie erhältlich. Er sprach über wild lebende Honigbienen und über das Schwarmverhalten von Bienen. Der Inhalt seiner Vorträge ist mit ein wenig Geduld leicht zugänglich, letzteres in Honeybee Democracy, und die Erkenntnisse über wild lebenden Honigbienen wird er in seinem nächsten Buch veröffentlichen. Wer trotzdem etwas mehr wissen will, liest nun einfach hier weiter.

Dort wo Herr Seeley lebt, in Ithaca (US), zählte er 1978 alle Wildbienenkolonien im Bereich des Arnton Forest. Wildbienenkolonien zählen? Das schreibt sich so einfach. Wer das selber mal ausprobieren möchte, sollte sich vielleicht vorher darüber informieren, Stichwort bee hunting. Aber dazu vielleicht ein ander Mal.

Herr Seeley fand 1978 in dem 10 ha* großen Waldstück des Arnton Forest 9 Kolonien.

2002 zählte Herr Seeley die Wildbienenkolonien in diesem relativ unberührten Waldstück erneut. Mit unklarer Erwartung und der Frage – wie werden die Wildbienen die Einfuhr der Varroamilbe verkraftet haben. Wird es überhaupt noch Kolonien in diesem Waldstück geben?

Herr Seeley fand 2002 in dem 10 ha* großen Waldstück des Arnton Forest 8 Kolonien.

Wenn ich hier übrigens von Wildbienenkolonien spreche, dann meine ich damit wild lebende Honigbienen und nicht solitär lebenden Wildbienen. Was war passiert? Dank einer genaueren Betrachtung dieser 8 sogenannten survivor populations, unter anderem auch deren Genpool, konnte nachvollzogen werden, was in den vergangenen 27 Jahren geschehen war. Die wild lebenden Honigbienen wurden dank der Varroamilbe stark selektiert, die genetische Diversität wurde geringer. Ganz schön beruhigende Nachrichten, wie ich finde. Wilde Honigbienen werden mit der Varroamilben also ganz ohne Imkerin fertig?

Ja, jedoch nicht ohne massive Verluste und gewisse Rahmenbedingungen. Die wild lebenden Honigbienenkolonien im Arnton Forest waren durchschnittlich 850 m voneinander entfernt. Sie suchten sich enge Baumhöhlen mit durchschnittlich 42 l Volumen und neigten zu kleinen Brutflächen. Die Königinnen waren genetisch betrachtet ein recht ausgewogener Mix zwischen Carnica und Lingustica und – sie konnten frei schwärmen.

Schwärmen ist das, was ich als Imkerin unterbinden sollte, so hab ich es in den Kursen immer gehört. Schwärmen ist aber eben auch das, was durch eine mögliche Brutpause zu geringerem Varroabefall führen kann. Aber letzteres sei noch ungeklärt, auch wenn es in meinem Kopf ganz schön viel Sinn macht.

Und dann hagelte es Fragen… z.B. ob diese wild lebenden survivor populations defensiver waren? Nein, waren sie nicht. Sie versteckten sich nur besser. Was seiner Meinung nach das wichtigste Zuchtmerkmal sei? Die Fähigkeit mit der Varromilbe selbstständig fertig zu werden. Dies seien die Völker, deren Vermehrung wird benötigen. Und deswegen sei auch das Drohnenbrut-Ausschneiden keine so gute Idee, habe man so ein Volk.

Der Vortrag hat so ziemlich einiges, was ich in der letzten Zeit unterrichtet bekam, gelesen und gehört habe, in Frage gestellt. Und damit meine ich – wissenschaftlich belegt in Frage gestellt. Es war wunderbar. Und jetzt hab ich noch mehr Fragen und freu mich schon auf sein kommendes Buch.

Und neben all dem neuen Wissen habe ich auch noch einige ImkerkollegInnen kennengelernt, darunter Herr. M. aus dem Montafon,  Herr M. aus dem Bregenzerwald und Frau R. von Mellifera, konnte wunderbaren Gesprächen auf der Damentoilette lauschen „ja ich weiß, 200 EUR für das eine vergriffene Bienenbuch ist schon viel, aber ich musste es einfach lesen“ und bin voll motiviert der Bibliothek meines Vertrauens nächstes dann eine Empfehlungsliste für Neuanschaffungen zukommen zu lassen.

 

* Ich glaube mich erinnern zu können, dass die Flächenangabe ha war. Wenn ich aber so darüber nachdenke, dann halte ich es für recht unwahrscheinlich, dass Herr Seeley als US-Amerikaner Flächen in Hektar angibt. Waren es acre? Ich weiß es nicht mehr, aber es wird wahrscheinlich dann im Buch nachzulesen sein.

**Der Vollständigkeit halber möchte ich noch erwähnen, dass Herr Rindberger, ein österreichischer Bio-Imker, ebenfalls einen Vortrag hielt. Thema: Radiästhesie für Imker. Ich persönlich konnte weniger damit anfangen, auch wenn ich denke, dass es sehr wohl schlechtere und bessere Plätze zur Aufstellung der Völker gibt. Ich hatte gehofft, dass der Vortrag etwas mehr mit der Praxis zu tun hat und dass er mehr über seine Betriebsweise erzählt, da mich Bio-Imkerei brennend interessiert. Aber sensibler werden und sich innerlich „leer machen“ um Wasseradern spüren zu können? Ohne es bewerten zu wollen oder zu können – ich persönlich möchte nicht noch sensibler werden. Noch mehr spüren, am Ende vielleicht auch noch jede Wasserader? Ich werde schon selbst zu einer Wasserader wenn ich nur Nachrichten sehe oder ein aufwühlendes Telefongespräch führe. Genug für mich, für´s erste.

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4 Kommentare

  1. Man muss natürlich die wissenschaftliche Aussage hinsichtlich der untersuchten Stichprobe interpretieren. Deshalb würde Ich empfehlen die Aussagen als Anregungen, weniger als Fakten zu sehen. Die wissenschaftliche Gemeinschaft neigt dazu eigene Forschungsergebnisse umwerfend alternativlos darzustellen.
    Zum Thema Wasseradern finden ist jedoch die Einstellung richtig. Eine gute Genietskenntniss und die Fähigkeit die hydrostratigraphischen Gegebenheiten einzuschätzen führt mindestens genauso zum Erfolg. Wenn nicht noch eher.
    Der Blog wird interesanter wenn du mehr über den wissenschaftlichen Aspekt schreibtst. Zumindest für mich 😉

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      1. Wenn Ich irgendwann einmal die Zeit haben sollte können wir darüber reden. Jedoch ist der Versuch etwas zu wiederlegen was nicht auf einem eindeutigen Konzept aufbaut meist nicht erfolgreich. Und da die Suche nach Wasser mit Hilfe von Wünschelruten oder anderem Gerät offentsichtlich stark von der bedienenden Person und deren spiritualem Status abhängt, wäre das schwierig. Außerdem denke Ich das diese Thema nicht richtig zu deinem Blog passt. 🙂

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