Schwarmzeit

Game of Drones

Den kleinen Tochterschwarm mit junger Königin hatte ich auf unserem Balkon eingeschlagen. Viel zu klein um sich zu einem Volk zu entwickeln, das den Winter übersteht, konnte ich den winzigen Nachschwarm damals einfach nicht hängen lassen.

Ich dachte, dass ich auf diese Art und Weise nach dem Hochzeitsflug der jungen Königin eine „Ersatzkönigin“ hätte, die ich bei Bedarf einem Volk zusetzen könnte, sollte eines meiner Völker aus irgendeinem Grund vor der Einwinterung weisellos sein. Da ich kein Begattungskästchen besitze und alle meine Blumentöpfe derzeit in Verwendung sind, nahm ich einfach eine neue Beute. Auf unserem überdachten Balkon in gut 6 m Höhe kein Problem, dachte ich.

Das war es dann auch nicht. Also ein Problem. Aus der Sicht der jungen Königin dann zwar eher schon.

Heute Vormittag war vor dem Flugloch eine kleine Aufregung zu beobachten. Einige Bienen wuselten herum und hielten sich irgendwie gegenseitig in Schach. Es waren mehr Bienen als gewöhnlich. Erst dachte ich an Räuberei, trotz sauberer Fütterung und engem Flugloch, und beschloss, einfach mal weiter zu beobachten.

Und dann zu Mittag war er plötzlich da – der riesige Schwarm, der die Beute direkt bezog.

Hatte nicht der Seeley gesagt, dass Bienenschwärme Wohnungen in einer bestimmten Höhe bevorzugen? Unser Balkon und der „Begattungskasten“schienen diesmal genau richtig. Am Tag zuvor hatten wir schon einen anderen Schwarm, ebenfalls schön groß, aus der Tanne vor dem Balkon gepflückt. Mit vollem Einsatz einer dreifach ausziehbaren Leiter, mehreren HelferInnen und mit viel Schwindelfreiheit. Da scherzte ich dann noch – beim nächsten Mal bitte gleich auf unseren Balkon!

Einen Tag später war er da.

 

S. stellte dann irgendwann die Frage, „Mama, was wird jetzt aus der jungen Königin, die vorher drin war?“. Meine Antwort gefiel ihr leider weniger. Beim Seeley-Vortrag in der Schweiz meinte dieser, dass die Späher-Bienen auf der Suche nach einem geeigneten neuen Wohnort durchaus auch um die besten Plätze kämpfen. „Die Natur ist manchmal nicht schön, ich hoffe, dass die junge Königin immer noch herumfliegt, alleine!“. Das zumindest, wissen wir sicher. Keine Königin fliegt alleine, niemals. Aber das Bild einer ewig fliegenden Jungkönigin gefällt mir so kurz vorm Schlafen und Träumen gehen irgendwie auch besser.

Die Aufgabe, nach der ich rief

Schwarmzeit ist und ich habe alle Hände voll zu tun. Ich und alle, die mit mir leben. Einer der Gründe warum ich hauptsächlich über den Schwarmtrieb vermehre, mal davon abgesehen, dass es der natürliche Weg ist, wie so ein Bien zur Welt kommt und nur Vorteile für die Bienengesundheit bietet, ist der Spaß, den ich dabei habe. Genau, der Spaß, den ICH dabei habe.

Ich wachse. Langsam fange ich an zu hören, bevor ich sehe. Dazu gehört zum Beispiel am Sonntag Nachmittag gemütlich Zuhause anzukommen und direkt zu hören „da ist glaub ein Schwarm“. Und dann die Schwarmtraube entdecken. Bewundern. Diese Ruhe und Gelassenheit, die in die Traube einkehrt, sobald sich der neue Bien am Ast gesammelt hat. Das Reinklopfen in die Schwarmkiste. Das gespannte Beobachten danach. Ist die Königin dabei? Formt sich da eine Traube in der Kiste oder wächst die Traube eher wieder am Baum? Das Warten bis zum Abend, bis Ruhe einkehrt, dann das nach Hause bringen. Und die Vorfreude darauf, am nächsten Tag einlogieren zu können.

Die geteilte Begeisterung, wenn die Familie oder Freunde, die dem neuen Bien ein Zuhause in ihrem Garten oder Balkon bieten, zusammen kommen. Das Einlaufen lassen, das vom Prinzip her immer dasselbe Erlebnis ist, jedoch niemals das Gleiche. Der Moment, in dem ein großer Teil der Bienen den Duft der sterzelnden Schwestern wahrnimmt und sie wie von Zauberhand losmarschieren. Unzähliges rasches Krabbeln Richtung dunkle Öffnung. Die dicken Drohnen zwischendrin. Die vielen Antennen, die sich gegenseitig prüfen. Und dann wenig später auch schon wieder Ruhe und Einfliegen.

Aber auch ein plötzliches Gewitter und der Versuch die letzten einlaufenden Bienen mit einem Regenschirm vor dem Hagel zu schützen, während die nasse Kleidung kalt an einem klebt. Das Üben der Schwarmvorwegnahme, bei der beim ersten Mal zwar das Timing, nicht jedoch die Bienenanzahl richtig war (Tipp: nicht zu wenige Bienen abklopfen!). Die eilige Karton-Bastelei, wenn die Schwarmkiste bereits voll ist, der Baum aber noch nicht leer. Das Wundern, wenn der neue Schwarm partout nicht an den schön hergerichteten Anfangsstreifen bauen will, sondern lieber an drahtlosen Rähmchen auf der anderen Seite.

Ich lerne so viel gerade. Und natürlich hat Goethe, wie zu allen meinen Lebenssituationen, bereits passende Sätze formuliert:

Wenn dir’s in Kopf und Herzen schwirrt,
was willst du Bessres haben!
Wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt,
der lasse sich begraben.

Johann Wolfgang von Goethe